Bericht aus den Weinheimer Nachrichten vom 14.11.2020

„EinBlick“ – eine neue Serie zeigt Gesichter des Sports. Wir starten mit  Gültekin Isci, TSG 91/09 Lützelsachsen. 

Mittwochabend, 18 Uhr. Stille auf dem Sportplatz Waid. Dort, wo normalerweise das Flutlicht den Kunstrasen erhellt, wo die Fußballer der TSG 91/09 Lützelsachsen laufen, schwitzen, scherzen, endet der Blick nun in einem schwarzen Loch. Nur ein kleiner Lichtschein in der Gaststätte
verrät ein bisschen Leben in diesem unfreiwilligen Winterschlaf.

Gültekin Isci wartet am Ecktisch der leeren Gaststätte. Der Rollladen zur Theke ist heruntergelassen. Daneben, an der frisch gestrichenen Wand, hängen die Urkunden über die Erfolge des Vereins. In normalen Zeiten wären wir nicht nur zu zweit gewesen. Abteilungsleiter-Kollege Jürgen Richter hätte ebenso am Tisch gesessen wie Jugendleiter Karsten Kuchenbecker. Doch es ist eben nichts normal in diesem Jahr. So entstand auch die Idee zur Serie „EinBlick“. Ein Gesicht steht für eine Sportart, eine Abteilung, einen Verein.

Sich auf dieses Format einzulassen, fiel Isci zunächst schwer. „Bei uns gibt es nicht dieses eine Gesicht. Da geht es nur im Team. Wir ergänzen uns, jeder bringt seine Stärken ein. Das macht unser Erfolgsgeheimnis aus“, sagt der 47-Jährige, der sich seit 30 Jahren bei der TSG 91/09 engagiert. Zunächst als blitzschneller Stürmer, dann als Jugendtrainer, Jugend- und Abteilungsleiter. Immer dabei: „Zwilling“ Jürgen Richter. „Uns gibt es nur im Doppelpack“, sagt Isci und lacht.

Die zwei sind „dicke“. „Wir verstehen uns blind. Jürgen ist der Macher, Karsten Kuchenbecker als Jugendabteilungsleiter der Analyst, Sascha Gerhardt der technische Administrator. Und ich bin Denker, Fadenzieher und manchmal auch der Diplomat, der alle an einen Tisch bringt“, sagt der 47-Jährige und lacht. Denn auch wenn es bei der TSG 91/09 familiär zugeht und Teamarbeit die Philosophie der Abteilung prägt, sind sich natürlich nicht immer alle einig.

Sicherheit geht vor

Einigkeit herrschte indes sehr schnell darüber, den Weg des zweiten Lockdowns solidarisch mitzugehen. Die TSG wartete erst gar nicht auf die offizielle Einstellung des Trainingsbetriebs zum 2. November, sondern stellte den Betrieb schon zum 29. Oktober komplett ein. „Auch wenn ich persönlich die Übertragungsgefahr bei Sport im Freien als eher gering ansehe, waren wir alle der Meinung, dass jeder Tag zählt. Da zählt ‚Safety First‘. Das hat keiner infrage gestellt.“

Nichtsdestotrotz tut dem Verein die erneute Einstellung des Sportbetriebs natürlich weh. „Kinder brauchen Bewegung, vermissen ihr Mannschaftsgefüge. Wenn es da Lockerungen geben würde, um den Trainingsbetrieb zumindest beim Nachwuchs wieder zu ermöglichen, würden wir gern ein sinnvolles Konzept erarbeiten.“ Unter Federführung von Karsten Kuchenbecker und Jürgen Richter hatte die TSG 91/09 bereits im ersten Lockdown ein vorbildliches Hygienekonzept erstellt, das nicht nur die anderen Abteilungen des Vereins übernommen hatten. Auch die Stadt Weinheim hatte es als Muster an andere Vereine weitergegeben. An die neuen Regeln hatten sich alle schnell gewöhnt, Hauptsache es durfte wieder gekickt werden.

Jetzt geht es wieder zurück ins Online-Training. Wie das im Jugendbereich funktioniert, bekommt Isci live zu Hause mit. Sein Sohn Fatih ist A-Jugend-Trainer und steht in ständigem Kontakt mit seinen Spielern, die sich für den Re-Start in der Landesliga fithalten. Genauso wie die B- und C-Junioren, die ebenfalls in dieser Spielklasse angesiedelt sind.

Sogar Mitgliederzuwachs

Dass auch die erste Mannschaft den historischen Sprung in die Landesliga geschafft hat, macht den Verein extrem stolz und sorgt sogar für ein Paradoxon: Während viele Vereine über rückläufige Sponsorengelder klagen, sind die Saasemer Geldgeber um den Hauptsponsor, die Firma Matter, dem Verein treu geblieben. Und noch besser: Im Bambinibereich hat Lützelsachsen trotz des Seuchenjahrs sogar einen Zuwachs an Mitgliedern von fünf Prozent. „Es tut verdammt gut, wenn bei einem Spieltag der ersten Mannschaft 250 Zuschauer im Schnitt kommen und die Kinder in der Pause den Trainingsplatz bevölkern.“ Es ist ein Zeichen dafür, dass die TSG 91/09 einiges richtig gemacht hat.

Nicht nur die Landesliga-Heimspiele der ersten Mannschaft ziehen Fußballbegeisterte an. Die Abteilung platzt schon jetzt aus allen Nähten, bräuchte eigentlich einen dritten Platz, um ihren 300 Jugendlichen und Kindern, den drei Erwachsenen-Teams, dem Integrationsteam des Pilgerhauses und den Hobbykickern ausreichend Trainingsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Alle Altersklassen sind doppelt, manche gar dreifach besetzt. 40 Jugendtrainer kümmern sich um den Nachwuchs, bei dem vor allem Wert darauf gelegt wird, dass die Jungs und Mädchen in erster Linie Spaß haben. „Das macht uns aus. Hier spielt ja keiner des Geldes wegen, sondern aus Überzeugung und von ganzem Herzen“, sagt Gültekin Isci, der seine ersten Fußball-Schritte auf dem Bolzplatz in Großsachsen machte.

„Nach der Schule ging es mit dem Ball auf dem Rad-Gepäckträger zum Kicken.“ Seine Ausbildung genoss der Mann, der vor allem durch Schnelligkeit und Torinstinkt bestach, bei der TSG 1862 Weinheim, ehe er dann Abitur und Ausbildung den Vorrang einräumte und nach Lützelsachsen wechselte. Einen Schritt, den der Bankkaufmann nie bereut hat. Sein Herz schlägt seit inzwischen 30 Jahren Rot-Weiß.

„Unser großes Pfund ist ja das Familiäre. Das sieht man auch daran, dass in der ersten Mannschaft nur zwei Fußballer nicht aus der eigenen Jugend stammen. Alle anderen kommen irgendwann wieder zurück“, sagt Isci. Spielern, die sich bei anderen Vereinen versuchen wollten, hätte die TSG 91/09 noch nie Steine in den Weg gelegt. Sperren habe es keine gegeben, alle seien im Guten gegangen. Denn schließlich lehrt die Erfahrung der Lützelsachsener Fußball-Familie: „Wer einmal bei uns war, der kommt auch irgendwann wieder.“

Dieser Zusammenhalt hilft. „Fußball verbindet und gibt Halt. Von daher hoffen wir schon, dass es bald wieder losgehen kann, damit gerade die Kinder nicht zu oft und zu lange vor Konsole, Playstation oder Computer abhängen.“ Auch die Kooperation mit der Grundschule Lützelsachsen, die Karsten Kuchenbeckers Sohn Jan, auch FSJler im Verein, betreut, liegt derzeit auf Eis. Und dem Integrationsteam des Pilgerhauses, das unter anderem von Fritz Malchow, Sebastian Weihrich, Mattheus Mayer und Bernd Pfliegensdörfer begleitet wird, tun die ausfallenden Sportplatzeinheiten ganz besonders weh.

Dass der Re-Start in den Ligabetrieb noch in diesem Jahr erfolgt, daran glaubt Isci nicht. Bei einem Trainingsverbot bis zum 30. November brauche man ja wieder entsprechende Vorlaufzeit, bis man als Mannschaft wieder vorbereitet sei. „Vier, fünf Wochen Vorlauf bedarf es da schon. Und ein Start mitten im Januar ergibt aufgrund der Witterungsbedingungen wahrscheinlich wenig Sinn.“

Unabhängig vom Bewegungsaspekt sei das Miteinander im Verein unersetzlich. „Bei uns ist jeder willkommen, egal, woher er kommt.“ Hauptsache er kann feiern, denn das ist neben dem Fußball die Lieblingsbeschäftigung aller Kicker. Umso schmerzlicher ist es da, wenn in diesem Jahr das Sommerfest, die Jugendturniere, Neunmeterturnier, das Oktoberfest und die Weihnachtsfeiern ausfallen werden. „Das sind hohe finanzielle Einbußen.“ Auch das 100-jährige Abteilungsjubiläum wird wohl nicht im April 2021 gefeiert werden können.

Doch am Ende ist für die Lützelsachsener nur eins wichtig: „Bisher gab es nicht einen uns bekannten Coronafall im Verein. Dass das so bleibt, dafür wer wir alles tun“, sagt Gültekin Isci, während er die verwaiste Vereinsgaststätte und das Haupttor abschließt. Und dann wird es wieder zappenduster.

EinBlick – Die Serie: 

In dieser Serie schauen wir durch die Brille eines stellvertretenden Verantwortlichen hinter die Kulissen von Gruppen, Abteilungen und Vereinen.

EinBlick in die Fußballabteilung der TSG 91/09

300 Kinder und Jugendliche spielen beim Nachwuchs in 20 Mannschaften, die von 40 Trainern betreut werden. Selbst im Coronajahr gibt es einen fünfprozentigen Mitgliederzuwachs zu verzeichnen. 518 Fußballer bedeuten die größte Abteilung im Hauptverein.

Die Fußballer der TSG 91/09 Lützelsachsen sind nicht nur mit den Herren, sondern auch der A-, B- und C-Jugend in der Landesliga vertreten.

Die TSG 91/09 trainiert und spielt täglich ab 15 Uhr auf zwei Kunstrasenplätzen, bräuchte inzwischen sogar einen dritten, um den Ansprüchen gerecht zu werden. Der Kunstrasen von 2005 und die Flutlichtanlage sind längst in die Jahre gekommen.

Gültekin Isci stieß vor 30 Jahren als Spieler zum Verein, übernahm dann mit Jürgen Richter das Traineramt der Mannschaft, in der beide Söhne spielten. Von 2010 bis 2018 leitete das Duo die Jugendfußball-Abteilung, gemeinsam mit Ingrid Garrido-Wolf.

Seit 2018 haben Isci/Richter die Führung der Fußball-Abteilung im aktiven Bereich übernommen.

Gültekin Isci, TSG 91/09 Lützelsachsen. Bild: Marco Schilling